Milchkühe in Deutschland – was spricht eigentlich gegen Kuhmilch?
Der finale Auslöser dafür, dass ich Veganer wurde, war ein Artikel, den ich nie gelesen habe. Die Überschrift lautete etwa „Milch trinken tötet Kälber“ und stammte von PETA. Mir war der Titel damals zu reißerisch, weshalb ich darauf verzichtete, ihn zu lesen. Dennoch ließ mich die Überschrift einige Tage lang nicht los. Denn worauf ich ebenfalls verzichtet hatte, war, mich darüber zu informieren, ob da etwas dran ist.
Wie viele Menschen in Deutschland hatte ich mir bis dahin über eine Frage keine Gedanken gemacht:
Ist es normal, dass Kühe Milch geben?
Mir war (wahrscheinlich) durchaus bewusst, dass Kühe Säugetiere sind und es für diese eine Voraussetzung gibt, um Milch zu produzieren. Doch aus Kinderserien, der Werbung, Büchern und dem Fernsehen kannte ich Kühe nur in zwei Situationen:
- Sie stehen auf einer Weide und kauen Gras.
- Sie werden gemolken.
Und diese beiden Situationen sind leider prägend für unser Bild von Kühen:
- Sie haben ein entspanntes, glückliches Leben, in dem sie den ganzen Tag lang tun, was sie am liebsten machen – nämlich offensichtlich Gras kauen.
- Es ist normal, dass sie gemolken werden. Für uns. Für sie.
Doch dann informierte ich mich. Nicht über den PETA-Artikel, dessen Überschrift mir zu reißerisch klang, um wahr zu sein, sondern über verschiedene andere Quellen. Und leider wurden meine kindlichen Kuh-Erinnerungen durch zwei andere ersetzt:
- Kühe werden künstlich befruchtet, um Milch zu geben, wofür ein Mensch seinen Arm sehr tief in die Kuh einführen muss.
- Ihr Leben ist weder entspannt noch lang noch glücklich.
Um die Problematik von Punkt eins zu verstehen, muss man gedanklich die Kuh eigentlich nur durch ein anderes Tier ersetzen. Leider erkennt man das oft erst, wenn man aus der Gedankenwelt gerissen wird, in der es normal ist, dass Kühe Milch geben.
Punkt zwei muss ich ein wenig gliedern, damit man in diesem Kuh-Albtraum der Realität den Überblick nicht verliert:
Wie viele Milchkühe gibt es in Deutschland?
Laut dem BMLEH (Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat) werden in Deutschland 10,5 Millionen Rinder gehalten, 3,6 Millionen davon sind sogenannte Milchkühe (Stand: November 2024). Je nach Quelle finden sich auch andere Zahlen; Tierschutzorganisationen schätzen fast eine Million Milchkühe mehr.
Wie werden Milchkühe gehalten?
Die häufigste Haltungsform von Milchkühen in Deutschland ist mit 87% die Laufstallhaltung. Dabei werden die Kühe in einem überdachten Stall mit getrennten Bereichen zum Liegen, Fressen und Laufen gehalten. Jeder Kuh stehen etwa 3–5 Quadratmeter zur Verfügung.
Etwa 10% der Milchkühe werden in Anbindehaltung gehalten, ein Großteil davon ganzjährig.
31% aller Milchkühe dürfen auf die Weide, allerdings nur an etwa sechs Monaten im Jahr.
Was ich hier beschrieben habe, sind nüchterne Fakten. Für sich genommen wirken sie bereits wenig rosig, und dennoch werden sie dem tatsächlichen Leben von Milchkühen kaum gerecht.
Der Weidegang, sofern er existiert, ist stark begrenzt. Häufig beschränkt er sich auf jene Zeiträume, in denen die Kühe nicht gemolken werden. Bei einer Milchkuh, deren Zweck vollständig auf kontinuierliche Milchproduktion ausgerichtet ist, dauert diese Phase nie länger als wirtschaftlich notwendig.
Vor ihrer Schlachtung nach etwa fünf Jahren bringt eine Milchkuh in der Regel vier bis fünf Kälber zur Welt. Mutter wird sie erstmals mit rund zwei Jahren. Lediglich etwa zwei Monate vor der Geburt des nächsten Kalbes befindet sie sich in einer Phase, in der sie keine Milch gibt.
Die Zustände in den Ställen sind dabei oft katastrophal – und daran ändert auch ein Bio-Siegel nichts. Ein Satz von ARIWA bringt dieses Spannungsfeld treffend auf den Punkt:
„Wohlklingende Absichten können eben unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht lange über dem ökonomisch Machbaren liegen, das die überprüf- und durchsetzbaren Mindeststandards definiert.“
Oder anders ausgedrückt: Überall dort, wo mit Tieren Geld verdient wird, kann Tierwohl niemals Priorität haben.
Was passiert mit männlichen Kälbern in der Milchindustrie?
Männliche Kälber werden häufig bereits wenige Stunden nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt. Nach wenigen Wochen werden sie an Mastbetriebe abgegeben. Da sie als Nachkommen von Milchkühen jedoch nur wenig Fleisch ansetzen und zudem ein strukturelles Überangebot an Kälbern besteht, gelten sie für Milchbetriebe als wirtschaftliches Minusgeschäft.
Die Mastbetriebe befinden sich oft im Ausland. Entsprechend müssen die nur wenige Wochen alten Kälber lange Transportwege auf sich nehmen – Transporte, die nicht alle lebend überstehen. Einige Kälber sterben jedoch bereits im Milchbetrieb selbst. Tierschutzorganisationen vermuten, dass dies zumindest fahrlässig herbeigeführt wird. Angesichts des enormen wirtschaftlichen Drucks, unter dem Milchbetriebe stehen, erscheint diese Vermutung nicht abwegig.
Quellen zum Leben von Milchkühen in Deutschland
Bei meinen Recherchen zu Milchkühen habe ich versucht, mich – wann immer möglich – auf offizielle Zahlen zu stützen, also auf Angaben der Industrie selbst. Ich gehe jedoch davon aus, dass einige dieser Zahlen beschönigt sind. Das heisst nicht unbedingt, dass diese Zahlen falsch sind, sondern dass sie anders interpretiert werden als von Tierschutzorganisationen.
Betrachtet man beispielsweise die Zahlen zu getöteten Tieren in der Milchindustrie, liegen die offiziellen Angaben bei rund 550.000, während Tierschutzorganisationen von etwa einer Million sprechen. Dass diese Zahlen so weit auseinanderliegen, kann bereits daran liegen, welche Todesfälle der Milchindustrie zugerechnet werden: Nur jene von Milchkühen im Betrieb selbst – oder auch jene ihrer männlichen Kälber, die erst viele Kilometer entfernt vom Milchbetrieb geschlachtet werden?
Hinzu kommt, dass nicht jeder Tod statistisch erfasst wird. Eine Kennzeichnungspflicht für Kälber besteht erst ab dem siebten Lebenstag; ein Todesfall wird entsprechend erst danach registriert.
So oder so sind die Zahlen enorm – und welche davon näher an der Realität liegt, ist letztlich zweitrangig. Ich kann dich nicht davon überzeugen, vegan zu leben, indem ich dir vorrechne, wie viele Tiere getötet werden. Das gelingt nur, wenn ich dich davon überzeugenkann, dass bereits ein einziges getötetes Tier eines zu viel ist.
Quellen:
- https://www.bmleh.de/DE/themen/tiere/nutztiere/rinder/rinder_node.html
- https://www.landwirtschaft.de/tier-und-pflanze/tier/rinder/haltungsformen-fuer-milchkuehe
- https://www.baywa.de/de/i/beratung/tierhaltung/rinderhaltung/haltungsformen/alle-haltungsformen/
- https://www.landwirtschaft.de/tier-und-pflanze/tier/rinder/haltungsformen-fuer-milchkuehe
- https://www.biowahrheit.de/bio-verbaende/








